Ich bin angekommen

Während eines Berufslebens macht man verschiedene Lehrzeiten durch. Ich persönlich habe drei Lehren abgeschlossen. Dann gibt es da auch noch die andern Lehrzeiten, bei welchen einzig das Leben der Lehrmeister und auch die Prüfungsexpertin ist.

Meine erste Lehre dauerte damals gerade einmal 1 1/2 Jahre. Und ich habe das Gefühl, dass meine Lehrzeit als Rentnerin auch so lange gedauert hat. Jetzt fühle ich mich nämlich angekommen in diesem neuen Lebensabschnitt.

Kürzlich besuchte ich mein altes Büro, resp. meine ehemaligen BürokollegInnen. Dabei erzählte mir meine Nachfolgerin, dass sie bereits einen ersten Blick auf die Aufgaben geworfen habe, welche zur Vorbereitung des Jahresabschlusses gehören. Uhh, wie war ich da froh, dass nicht ich an dieser Stelle stand, dass all die Aufgaben jetzt von jemandem anderem erledigt werden und ich mich nicht mehr kümmern muss. Es war ein unglaublich erleichtertes Gefühl. Am liebsten wäre ich aus dem Gebäude gestürmt, nach Hause gerannt und hätte dabei laut geschrieen: „Juhui – ich muss nicht mehr, ich bin frei! Ich darf jetzt Anderes machen, ganz nach meinem Wunsch!!“ In solchen Momenten wird mir dann bewusst, wie gross wohl mein Stress war. Mich dünkt, dass ich ihn damals nicht so stark empfunden habe.

Und wie geht es mir heute? Ich stehe jetzt nicht mehr so früh auf. Es gibt nur noch in Ausnahmesituationen einen Wecker. Aufstehen geschieht nun nach meinem eigenen Lebensrhythmus. So bin ich quasi immer ausgeschlafen. Daraus ergibt sich, dass ich auch allermeistes gute Laune habe. Ich lasse mir Zeit für das Ankommen in den Tag. Vielleicht habe ich einen Termin, vielleicht auch nicht. Im Corona-Lockdown habe ich festgestellt, wie schön es eben auch ist, nichts vorzuhaben. Nach der Lockerung habe ich mir fest vorgenommen, auch weiterhin leere Tage in meiner Agenda zu haben. Und daran halte ich mich. So habe ich die Möglichkeit bei schönem Wetter hinauszugehen. Jetzt beim kälteren und graueren Wetter daheim so dies und jenes erledigen zu können. Und da gibt es immer wieder Dinge zu tun. Heute habe ich Kundenkarten gekündigt, weil ich sie einfach nicht mehr brauche. So leert sich auch mein Geldbeutel von Überflüssigem. Manchmal nehme ich mir etwas für einen Tag vor. Es wird dann aber meistens nicht an diesem Tag, jedoch in dieser Woche erledigt. Und ich bin grosszügig mit mir, das darf jetzt so sein. Trotzdem staune ich immer wieder, was ich so alles mache.

Nein, so strukturiert, wie ich mir das im Vorfeld vorgestellt hatte, gehe ich das Leben nicht mehr an. Doch die Dinge, welche ich mir gedacht habe, dass sie mehr Platz in meinem Leben haben sollten, die haben diesen auch gefunden. Erstaunt bin ich, dass mich die Kreativität viel mehr „geküsst“ hat, als ich je angenommen hätte. Natürlich stricke ich – wie könnte ich auch ohne das Stricken sein?!?! Jedoch stricke ich nicht mehr ein einfaches Halstuch, um herunterzufahren. Nein, diesen Sommer habe ich für eine Freundin einen Pullover gestrickt, grob nach ihren Wünschen und mit einem Muster, welches mir gefiel. Einer andern Freundin strickte ich drei Sommermützen, jede mit einem ganz speziellen Muster. Es hat mir grosse Freude bereitet. Auch das Restengarn wird weiterverarbeitet, zu was auch immer. Es gibt plötzlich so viele Möglichkeiten.

Andere kreative Seiten kamen dazu, wie etwa das Senioren-Theater oder das Produzieren meiner eigenen Kosmetik. Da kann ich immer wieder neue Duftkompositionen ausprobieren. Ob das Spass macht? Aber mit Sicherheit!!

Und wenn an einem Tag keine Lust da ist? Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, ein Buch zu lesen, die Flöten zu bespielen oder was auch immer.

Erkenntnis

Es ist wirklich schön, nach seinem eigenen Rhythmus zu leben, seine kreativen Seiten entdecken zu dürfen und sich auch noch verschenken zu können.

2 Antworten auf „Ich bin angekommen

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