Wo gehöre ich noch dazu?

Ich sass mit meinen erwachsenen Kindern zusammen und genoss einen angenehmen Abend. Irgendwann sagte meine Tochter etwas bezüglich der Arbeit. Mein Sohn gab seinen Kommentar dazu. Danach wollte auch ich etwas sagen. Doch kaum hatte ich den Satz angefangen, sagten beide Kinder wie aus einem Mund: „Du hast nichts mehr zu sagen. Du gehörst nicht mehr dazu. Du bist pensioniert!“ Das kam mit einer Vehemenz, die mir die Stimme verschlug. Das Gesprächsthema wechselte wieder und ein schöner Abend nahm seinen Fortgang.

Doch in mir drängte sich die Frage auf: „Wo gehöre ich noch dazu?“ Zur Arbeitswelt nur noch in einem ganz kleinen Umfang – also quasi nicht mehr. Meine ehemaligen Mitarbeiterinnen, welche sehr gute Kolleginnen geworden waren, hatten jetzt eine neue Chefin und ihr Leben ging ähnlich weiter. Meine Freund(e)innen sind zum grössten Teil noch berufstätig. Gehören also noch dem grossen Kreis der Arbeitswelt an.

Wo aber sind all die Pensionierten? Wie treffe ich sie? Sie, die ich nicht kenne?

Und ich, wo gehöre ich noch dazu? Zu den SterbebegleiterInnen? Ja, sicher. Doch diese treffen sich sehr selten, vielleicht einmal zu einer Supervision, einer Weiterbildung oder dem Jahresessen. Ansonsten kenne ich dort vorwiegend die Geschäftsleiterin des vermittelnden Vereins. Sie macht die Einsatzpläne und fragt nach betreffend spontanen Einsätzen. Das ist reichlich wenig für ein grosses Wir-Gefühl.

Beim Flötenspielen ist es ähnlich. Ich treffe regelmässig meine Flötenlehrerin. Eine tolle Frau, welche ich gut mag. Dazu gibt es noch das Flöten-Ensemble. Hier komme ich nebst der Lehrerin noch mit drei weiteren Frauen zusammen. Wobei zwei davon Mutter und Tochter sind. Wir treffen uns für die Probe, danach gehen alle wieder ihren Weg. Da gibt es kaum ein privates Wort. Das was uns vereint ist in erster Linie die Flötenlehrerin, mehr noch als die Musik. So wenigstens ist mein Empfinden. Also auch keine wirkliche Zugehörigkeit.

Noch immer mit diesen Gedanken beschäftigt, ging ich in die Wirtschaft, für welche ich die Büroarbeiten erledige. Und da kam es mir entgegen. Ich wurde als selbstverständliches Mitglied des Teams empfangen, obwohl das Büro nicht dort ist – sie mich also selten sehen. Da wurde gemeinsam gegessen, gescherzt, über‘s Geschäft und Gott und die Welt geredet. Ich fühlte mich richtig an diesem Platz.

Kürzlich kam dann noch etwas Neues dazu. Über den Quartierverein erhielt ich die Mitteilung, dass das Senioren-Theater Leute sucht. Ich habe mich umgehend gemeldet, spielte ich doch schon als Kind sehr gerne Theater. Obwohl ich es später wieder versucht habe, kam es nie mehr dazu. Doch jetzt ging alles sehr glatt. Noch am gleichen Tag habe ich mich am Stammtisch der Theaterspielenden dazu gesetzt. Und da war es, das schöne und bereichernde Wir-Gefühl. Inzwischen gehöre ich einfach dazu, bin bei den Proben dabei und freue mich jetzt schon riesig auf die kommenden Auftritte.

Erkenntnis

Die Zugehörigkeit kann man nicht erzwingen, doch plötzlich kann sie da sein.

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