Reisen

Reisen scheint ja für Neo-Rentner das Thema schlechthin zu sein. Ich gebe gerne zu, für mich ist es keines.

Gut, in jungen Jahren, da wollte ich reisen – die Welt entdecken! So dies und das habe ich in der Zwischenzeit auch gesehen, dabei einiges erlebt und viel gelernt. Den Ansprüchen von mir als junge Frau hätte das aber nicht genügt. Da wären noch so einige
Destinationen auf der Wunschliste gestanden.  Der Wunsch Neues zu entdecken indes, ist in mir nach wie vor wach. Die ganze grosse Welt kann sich mir auch in einem Buch, Film oder Musikstück erschliessen. Natürlich ist es nicht dasselbe, alten Jazz in New Orleans zu erleben im Vergleich zum jährlichen Anlass hier in St. Gallen. Oder die Geschichte in einem Buch, welche in Sansibar spielt, öffnet mir die Augen eventuell mehr für gewisse Fragen, regt mich zum tieferem Nachdenken an, als wenn ich reisen würde. Wahrscheinlich könnte ich Vieles über die Vergangenheit von Sansibar in Sansibar gar nicht erfahren. Zudem mag ich die inneren Bilder, welche beim Lesen entstehen. Auch wäre mir die Sonne nie zu warm, müsste ich mich nicht vor einem Sonnenbrand schützen.

Kürzlich jedoch war ich wieder einmal in Italien. Dort besuchte ich Freunde und tauchte für ein paar Tage in dieses Leben ein. Die Reisevorbereitungen habe ich eher als Pflicht empfunden. Doch als ich mich am Morgen aufmachte Richtung Bahnhof, fühlte ich mich grossartig. Auch wenn ich viele Stunden im Zug sitzen musste, habe ich die beiden Reisetage genossen. In Mailand stieg ich um. Die Zeit genügte, um etwas zu essen. In Florenz jedoch ist immer alles anders. Firenze heisst für mich: „Du bist in Italien!!“ Das zelebriere ich jeweils. Hier gibt es immer den ersten, respektive den letzten Caffè in Italien. Wie ich diese zwei Schlücke geniesse!!

Danach ging es im Regionalzug Richtung Umbrien – dem Ziel meiner Reise. Unterwegs stieg ein Freund zu. Gemeinsam genossen wir das letzte Stück der Reise, oder das erste Zusammensein nach langer Zeit, je nach Blickwinkel. Das allerletzte Stück fuhren wir in seinem Auto. Als erstes fiel mir der schlechte Zustand der Strassen auf. Dann jedoch erkannte ich die Dörfer, erinnerte mich an vergangene Ereignisse, eine Pizza am See bei einem riesengrossen Vollmond zum Beispiel. Ich wusste genau, wo wir abbiegen mussten. Das erste Mal – und es sollte nicht das letzte Mal sein – hatte ich ein Gefühl von Heimkommen.

Vor 42 Jahren besuchte ich dieses Dorf das erste Mal. Ich war zur Hochzeit meiner Freundin eingeladen. Diese kehrte wenige Jahre später für immer in ihre Heimat zurück. Und ich verbrachte dort viele Jahre meine Ferien.  Meine Freundin und ihre Familie führten einen Lebensmittelladen und eine Bar. Ich konnte mithelfen, Caffè herauslassen, Gläser spülen, Parmesan reiben etc.. So lernte ich Leute und Sprache kennen.

Damals schmunzelten wir Jungen über die Alten, welche auf einer Bank sassen und sich unterhielten. Und jetzt?! Jetzt sind meine italienischen Freunde und ich im Alter, dass wir uns auf die Bank setzen könnten. Noch haben wir es nicht getan, sondern trafen uns wie immer vor der Bar auf einen Schwatz. Was habe ich diesen Austausch genossen. Die alten Freunde zu sehen, sich verstehen, als wäre keine Zeit verstrichen, war einfach wunderbar. Ich konnte nicht anders, ich habe mich spontan entschieden, nun wieder jedes Jahr für ein paar Tage in diese meine zweite Heimat zu reisen.

Erkenntnis

Es gibt viele verschiedene Arten von Freundschaften. Jede ist auf ihre eigene Weise wertvoll und bereichernd.

 

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